En-, Epi-, Pandemie?

Mit dem Auftreten der Omikronvariante mehren sich die Beiträge von Epidemio-, Viro- und Infektiolog:innen, vor allem aber von Journalist:innen zum Thema Endemie. Offenbar sind die Unterschiede zwischen Begriffen nicht allen klar. Ein kleiner Beitrag zur Klärung.

Ob En-Demie, Epi-Demie, Pan-Demie – es geht immer darum, wie eine Krankheit in der Bevölkerung verbreitet ist (δῆμος, griech. «Volk»). Was bedeuten die drei Begriffe?

Endemie

Eine Krankheit wird als «endemisch» (in der Bevölkerung vorhanden) bezeichnet, wenn sowohl die Prävalenz (Häufigkeit der Krankheit = wie viele zu einem bestimmten Zeitpunkt erkrankt sind) als auch die Inzidenz (wie oft die Krankheit in einer bestimmten Zeitspanne auftritt), in einer bestimmten Region oder Population höher als in Vergleichsregionen/-populationen sind und (mit geringen Schwankungen) auf diesem Level bleiben. Vereinfacht gesagt, bleibt das Produkt von Basisreproduktionszahl (Anzahl der Individuen, die von einem infizierten Individuum infiziert werden) und Suszeptibilitätszahl (Anteil der Individuen in einer Population, die infiziert werden können)  ungefähr 1. 

Epidemie

Von einer Epidemie spricht man, wenn die Anzahl der Krankheitsfälle einer Krankheit in einer bestimmten Population bzw. Region zunehmen. Diese Zunahme erfolgt zu Beginn typischerweise exponentiell, die Basisreproduktionszahl ist > 1. Mit jeder erfolgten Infektion sinkt der Anteil der noch inifizierbaren Individuen (Suszeptibilität): Es wird eine Sättigung erreicht und die Zahl der Fälle nimmt wieder ab, was zu einer Wellenbildung führen kann. Darum sprechen wir z. B. von Grippewellen. Wichtig: Nicht nur infektiöse Krankheiten können epidemisch verlaufen – beispielsweise verläuft Diabetes mellitus in einigen Regionen der Welt epidemisch, die Anzahl der Fälle nimmt stetig zu.

Pandemie

Eine Pandemie wird von der WHO dann ausgerufen, wenn eine Epidemie weltweit oder in einem sehr grossen Gebiet auftritt, internationale Grenzen überschreitet und in der Regel sehr viele Menschen betrifft.

Abbildung 1: Endemie, Epidemie und Pandemie: Die Begriffe sagen nichts über den Schweregrad der Erkrankung aus.
A: Endemisch (leichte Erkrankung); B: Endemisch (schwere Erkrankung); C: Epidemisch (starke Zunahme, leichte Erkrankung); D: Epidemisch (schwache Zunahme, schwere Erkrankung); E:  Pandemisch

Auch wenn die Begriffe einigermassen klar definiert sind – werden sie derzeit oft falsch verwendet oder verstanden. Endemie bzw. Epidemie sagen insbesondere nichts über den Schweregrad der Krankheit aus. Sondern über die relative Häufigkeit und deren Veränderung. Der im Zusammenhang mit Covid-19 oft beschworene «Übergang in die Endemie» beinhaltet nicht automatisch den Übergang in eine mildere Form der Krankheit. Malaria ist in vielen Gegenden endemisch und kostet jährlich sehr viele Menschenleben. Polio ist ebenso endemisch, wie Masern und Mumps. Wobei die Endemizität von Masern und Mumps von der Impfung abhängen. Mit anderen Worten: «Endemisch» bedeutet nicht «problemlos» oder «ungefährlich».

Die Abgrenzung zwischen Epidemie und Endemie ist nicht immer ganz scharf. So wird die HIV-Infektion nach wie vor als «Epidemie» bezeichnet, obwohl ihre Häufigkeit vielerorts mehr oder weniger stabil bleibt.

Stehen wir bereits an der Schwelle zur Endemizität? Auch wenn dies gerne im Sinne einer Hoffnung geäussert wird – der Übergang in die Endemie kann Jahrzehnte dauern. Mit der Omikronvariante erschien erstmals ein SARS-CoV-2-Virus eines neuen Serotyps, der von den Antikörpern gegen bisherige Varianten kaum noch beeindruckt wird. Ob das Virus sein Entwicklungspotenzial bereits ausgeschöpft hat? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Das Dengue-Virus beispielsweise kommt in vier unterschiedlichen Serotypen vor.